Kolumnen & Analysen

Auslandsaktien: Biotech-Aktien mit Nachholbedarf?
Börse Frankfurt - Indizes - 18.01.2018

18. Januar 2018. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Die US-Biotech-Branche war in den vergangenen Jahren ein schwieriges Pflaster. Nach dem rasanten Höhenflug ab 2012 ging es ab Sommer 2015 - gemessen am Nasdaq Biotechnology - um über 30 Prozent nach unten. Immer wieder belasten Diskussionen um die US-Gesundheitspolitik den Sektor, angefangen mit den Forderungen der damaligen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, Medikamentenpreise zu deckeln, bis hin zur Reform bzw. Abschaffung des den Zugang zur Krankenversicherung regelnden Affordable Care Act ("Obamacare").

Der Nasdaq Biotech hat sich von seinen Tiefs im Februar 2016 zwar wieder etwas erholen können, das Allzeithoch von 4.195 Punkten vom Juli 2015 ist mit aktuell 3.505 Punkten aber noch weit entfernt. Doch die optimistischen Stimmen mehren sich: "Anders als die Banken, denen Verluste durch Abschreibungen drohen, werden die Pharma- und Biotec-Unternehmen von der US-Steuerreform profitieren", erklärt Michael Arras von Oddo Seydler.

Übernahmewelle geht weiter



Positiv wird auch gesehen, dass die Konsolidierung in der Branche voranschreitet. Das neue Jahr hat zwar gerade erst angefangen, doch schon jetzt gibt es erste Übernahmeankündigungen: So will der US-Pharmakonzern Celgene den Krebsspezialisten Impact Biomedicines übernehmen, wie Celgene am Sonntag mitteilte. Gestern wurde bekannt, dass Celgene außerdem Gespräche mit dem Biotech-Unternehmen Juno Therapeutics führt. Der dänische Insulinhersteller Novo Nordisk will das belgische Biotech-Unternehmen Ablynx kaufen, das die Übernahme allerdings ablehnt.

Sowohl Celgene als auch Novo Nordisk stehen unter Druck: Bei Celgene brachte im Oktober eine viel beachtete Studie zu einem Mittel gegen die Darmkrankheit Morbus Crohn nicht den erhofften Erfolg, das Unternehmen nahm seine Gewinnziele für 2020 zurück. Das Krebsmittel Revlimid, ein Umsatzrenner, bekommt zudem langsam die Konkurrenz durch Nachahmerprodukte zu spüren. Die Aktie rutschte im Oktober deutlich ab und hat sich seitdem nicht wieder erholt. "Stark ausgewirkt haben sich die Übernahmeangebote nicht", stellt Roland Stadler von der Baader Bank fest. Aktuell wird Celgene an der Börse Frankfurt zu 83,40 Euro gehandelt, vor dem Kurseinbruch waren es 125 Euro.

Sprung durch Kaufangebot



Novo Nordisk (WKN A1XA8R) leidet unter dem Preiskampf auf dem Insulinmarkt, besonders in den USA. Goldman Sachs empfahl die Aktie nach dem Übernahmeangebot aber weiter zum Kauf. Die Details seien zwar noch unklar, die Analysten verwiesen aber auf die hohen Liquiditätszuflüsse. "Novo Nordisk sitzt auf vollen Kassen", meint auch Arras mit Blick auf das im November angekündigte umfangreiche Aktienrückkaufprogramm. Die Novo Nordisk-Aktie hat sich 2017 sehr gut entwickelt und kam - in Euro - auf ein Plus von 45 Prozent, 2018 ging es weiter nach oben. Allerdings sind die Höchststände vom Sommer 2015, als der Kurs über 54 Euro geklettert war, noch nicht wieder erreicht. Aktuell sind es 45,96 Euro.

Einen riesigen Kurssprung machte hingegen der Übernahmekandidat Ablnyx (WKN A0M7H2): Vor dem Angebot wurde die Aktie zu 21 Euro gehandelt, aktuell sind es 34,52 Euro. "Das passiert immer wieder, wenn ein vielversprechendes kleines Biotech-Unternehmen von einem großen Konzern gekauft werden soll", bemerkt Stadler.

Neue Mittel mit viel Potenzial



Gut entwickelte sich 2017 auch der Kurs des US-Biotech-Unternehmens Biogen, Euro-Anleger (WKN 789617) kamen wegen des schwachen US-Dollars allerdings nur auf ein Plus von 6 Prozent. "Umsatz und Überschuss legten im dritten Quartal deutlich zu, Umsatztreiber ist das Medikament Spinraza gegen eine besondere Form des Muskelschwunds ", berichtet Arras. Wegen Spinraza hatte Biogen im Sommer 2017 die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr auf 11,5 bis 11,8 Milliarden Dollar erhöht. "Das Mittel hat Potenzial", meint der Händler.

Auch die Kursentwicklung des weltweit größten Biotech-Konzerns Amgen litt an der Börse Frankfurt (WKN 867900) unter dem schwachen US-Dollar. Amgen hatte im Oktober seine Umsatzprognose für 2017 auf 22,7 bis 23 Milliarden Dollar angehoben. Die Aktie von Bristol-Myers Squibb (WKN 850501) verzeichnete 2017 sogar leicht Verluste. "Hier wird sehr viel Potenzial im Krebsmittel Opdivo gesehen", berichtet Arras. Im dritten Quartal setzte der Konzern mit seinem Blockbuster, der für die Behandlung bei Haut- und Lungenkrebs sowie anderen Tumoren zugelassen ist, mit knapp 1,3 Milliarden Dollar fast 40 Prozent mehr um als ein Jahr zuvor. "Und es soll noch viel mehr werden."

Die Aktie des Schweizer Pharmakonzerns Novartis (WKN 904278) befindet sich schon seit zwei Jahren im Seitwärtstrend. "Novartis als breit aufgestellter Konzern profitiert nicht so sehr von einzelnen Biotech-Medikamenten", erklärt Arras. "Außerdem kämpft Novartis mit Umsatzrückgängen im Generikageschäft." Begrüßt wird aber, dass, wie diese Woche bekannt wurde, Novartis einen positiven Bescheid von der US-Arzneimittelbehörde FDA für seine personalisierte Zelltherapie Kymriah erhalten hat. "Das ist ein vielversprechendes neues Mittel."

Hochprofitable Branche



Ganz überzeugt von der Biotech-Branche ist Daniel Koller, der Chefanleger der deutschen Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. "In der Biotech-Branche greifen zwei Entwicklungen ineinander: Es gibt immer mehr Menschen, und sie werden - erfreulicherweise - immer älter", erläuterte Koller kürzlich in einem "Capital"-Interview. Mit dem Alter nähmen aber auch die Erkrankungen zu. "Mit 65 haben 25 Prozent der Menschen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, mit 85 sind es schon mehr als 40 Prozent." Auch bei Krebs, Arthritis und Alzheimer stiegen mit dem Alter die Fallzahlen.

Inzwischen stamme jeder zweite neue Wirkstoff von einem Biotech-Konzern, die Branche sei hochprofitabel. Umsätze und Gewinne seien stärker gestiegen als die Kurse. "Das hat paradoxerweise zur Folge, dass die Biotech-Titel aktuell günstiger bewertet sind als der Gesamtmarkt an US-Aktien: Biotech-Titel im Schnitt mit dem 14-fachen, US-Aktien mit dem 17-fachen der erwarteten Gewinne 2018."

von: Anna-Maria Borse
18. Januar 2018, © Deutsche Börse AG

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