Kolumnen & Analysen

Marktstimmung: „America first“ verdirbt heimische Stimmung
Börse Frankfurt - Indizes - 14.03.2018

14. März 2018. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Eigentlich könnten wir uns auch hierzulande in der besten aller möglichen Börsenwelten befinden. Denn die bislang positive Wachstumsentwicklung, aber auch die Tatsache, dass die Inflation dies- und jenseits des Atlantiks offensichtlich doch nicht so stark anzieht wie gedacht, würden normalerweise als positiv für die Aktienkurse bewertet werden. So sprach man anfangs dieser Woche in den USA sogar von einem typischen Goldilocks-Szenario, also von der Kombination aus stetigem Wachstum und gedämpfter Inflation.

Aber die jüngsten Tweets und Personalrochaden von US-Präsident Donald Trump lassen vor allen Dingen kontinentaleuropäische Börsen ins Schlingern geraten. Nicht nur, weil aus dem derzeitigen Handelskonflikt mit den USA und deren protektionistischen Ambitionen ein richtiger Handelskrieg entstehen könnte. Vielmehr zeigt die nicht unerwartete Entlassung von Außenminister Rex Tillerson exemplarisch, dass mit dessen Nachfolger Mike Pompeo, ehemals CIA-Chef, ein Hardliner berufen wurde, der ganz auf der Protektionismus-Linie des US Präsidenten liegen wird - ein Faktum, das sich gestern, wenn sicherlich auch nur vorübergehend, sogar an den US-Aktienbörsen negativ bemerkbar machte.

"America first", dieser Wahlspruch scheint immer mehr Realität zu werden und hat wahrscheinlich auch unsere heutige Sentiment-Umfrage beeinflusst. Allerdings weniger bei den institutionellen Anlegern, die sich bereits in der Vorwoche mit Aktienkäufen schwer taten. Nun hat sich diese Tendenz erneut im Ergebnis niedergeschlagen, denn der Börse Frankfurt Sentiment-Index ist um 9 Punkte gefallen und zeigt jetzt gerade noch einen Stand von +7 Punkte. Die Verschiebung geht auf eine kleine Gruppe ehemaliger Optimisten zurück, die nicht nur ihre Kursgewinne - zwischenzeitlich war das Börsenbarometer in der Spitze immerhin um 3 Prozent angestiegen - eingestrichen, sondern sich sogleich in großem Umfang auf die Bärenseite geschlagen haben.

Risikoaversion macht sich breit



Wesentlich deutlicher fällt der Stimmungswechsel bei den Privatanlegern aus, die allerdings vor Wochenfrist deutlich optimistischer als ihre institutionellen Pendants waren, wobei zum Teil durch Aktienzukäufe ("Hinzumischen") in die fallenden Kurse die Risiken teils deutlich erhöht wurden. Diese Strategie scheint nun aufgegangen zu sein, so dass am Ende 10 Prozent aller Befragten vom Bullen- direkt ins Bärenlager gewechselt sind.

Damit sind nicht nur die Optimisten seit dem vergangenen Mittwoch - in der Punktbetrachtung blieben von den zwischenzeitlich erreichten 3 Prozent immer noch 1,3 Prozent übrig - auf ihre Kosten gekommen. Durch den 180-Grad-Stimmungswechsel von positiv nach negativ bei diesen Akteuren ist der Börse Frankfurt Sentiment-Index um 20 Punkte auf einen Stand von +4 Punkte zurückgefallen. Damit ist der Anteil der Optimisten auf den niedrigsten Stand seit dem 6. September 2017 geschrumpft.

Mit der heutigen Befragung liegen institutionelle und private Anleger stimmungstechnisch nunmehr wieder fast gleichauf - im Nachhinein betrachtet sind letztere allerdings erheblich mutiger gewesen. Doch es scheint sich eine Tendenz immer deutlicher auszubilden: Der Glaube an eine satte Erholung des DAX schmilzt dahin wie Schneereste in der ersten Frühlingssonne. Zwar sind die Sentiment-Indizes beider Panels gerade noch positiv, aber in der relativen Betrachtung - gemessen an den vergangenen drei und sechs Monaten - muss man sogar von einem relativen Pessimismus sprechen. Dies hat immerhin den Vorteil, dass das Überraschungsmoment im Falle weiteren Abgabedrucks auf den DAX (etwa aus dem Ausland) nicht mehr besonders groß sein dürfte. Denn erfahrungsgemäß können die Skeptiker von heute schon bald zu Nachfragen von morgen werden, sofern die Risikoprämie (ca. 3 Prozent niedriger als heute, etwa in der Nähe der bisherigen Jahrestiefs bei 11.830 Zählern) stimmt. So gesehen scheint der DAX zwar nicht verloren, doch auf derzeitigem Niveau für viele nicht attraktiv und kaufenswert zu sein.

Video-Kommentar von Joachim Goldberg





14. März 2018, © Goldberg & Goldberg für boerse-frankfurt.de

Ihre Meinung zählt: Markterwartungen von Investoren

Die Stimmen der professionellen Teilnehmer wurden bislang von privaten Anlegern ergänzt, die unter den aktivsten Tradern verschiedener Online-Broker rekrutiert wurden. Diesen Teil des Sentiment-Index stellt die Börse Frankfurt nun auf breitere Füße.

Alle interessierten Anleger sind aufgerufen mitzumachen. Es dauert nur 15 Sekunden. Sie bekommen jeden Dienstag eine E-Mail mit einem Umfrage-Link. Ein Klick und fertig. Dafür erhalten Sie die Ergebnisse der Analyse sofort per E-Mail zugesandt.

Möchten Sie teilnehmen? Dann schreiben Sie einfach eine E-Mail an sentiment @ deutsche-boerse.com.

Über den Börse Frankfurt Sentiment-Index
Der Börse Frankfurt Sentiment-Index bewegt sich zwischen -100 (totaler Pessimismus) und +100 (totaler Optimismus), der Übergang von positiven in negative Werte markiert die neutrale Linie. Die Werte des früheren Cognitrend Bull/Bear-Index sind auf die neue Skalierung umgerechnet worden.

Vorherige Analysen: https://www.boerse-frankfurt.de/sentiment
Erläuterungen zur Methode: http://www.boerse-frankfurt.de/inhalt/marktsentiment-erhebungsregeln



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